Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Gohlis ein kleines Gassendorf vor den Toren der Stadt Leipzig, die damals selbst nur etwa 30.000 Einwohner zählte. Ende des 18. Jahrhunderts bestand Gohlis aus 45 Gehöften und hatte circa 450 Bewohner. Wie bereits erwähnt, war es – durch die kurze Distanz und die angenehme Lage – eines der beliebtesten Ausflugsziele und bevorzugte Sommerfrische der Leipziger, die es in der warmen Jahreszeit aus der Stadt zog.
Einige Jahrzehnte vorher – Mitte des 18. Jahrhunderts – ließ sich ein reicher Kaufmann der Stadt hierfür eigens einen nicht gerade bescheidenen Landsitz errichten. Ratsmitglied und Handelsherr Johann Caspar Richter (1708–1770) beauftragte 1755 einen Architekten mit dem Bau eines neuen Schlossgebäudes und der Umgestaltung des Gartens auf seinen vereinigten Bauerngütern in Gohlis. Wer dieser Baumeister seinerzeit gewesen ist, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Richter hatte nachgewiesenermaßen selbst entscheidenden Anteil an der Planung und hat vielleicht sogar eigene Entwurfsvorgaben gemacht. Dass ein Leipziger Kaufmann sich sein eigenes Landhaus in einer – ansonsten dem Hochadel vorbehaltenen Form – bauen lassen konnte, ist der unverblümte architektonische Ausdruck der außerordentlich mächtigen Stellung, die das Bürgertum der Stadt seinerzeit in Sachsen einnahm.
Nach dem Tode Richters vermählte sich dessen Witwe, Christiane Regine, geborene Hetzer (1724–1780), im Jahr 1771 in dritter Ehe mit dem Professor für Geschichte und Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig, Hofrat Johann Gottlob Böhme (1717–1780). Dieser veranlasste die Vollendung des Innenausbaus und beauftragte den damaligen Direktor der 1764 gegründeten Leipziger „Mahlerey-, Zeichen- und Architekturakademie“, Adam Friedrich Oeser (1717–1799), mit der Ausmalung der Festsäle des Schlösschens. Im Seitenflügel ließ er eine Kegelbahn einrichten und schmückte den Bau mit seiner Kunstsammlung sowie einer hervorragenden bibliophilen Privatbibliothek – der „Bibliotheca Villatica Gohlisiana“. Durch Erwerb des herrschaftlichen Allodialgutes vom benachbarten Professor Lüder-Mencke wurde er 1772 auch Erb-, Lehns- und Gerichtsherr von Gohlis.
Nach Ableben des „Hofraths Böhme“ wechselten die Besitzer des Hauses, bis 1906 die Stadt Leipzig das Schlösschen käuflich erwarb und es ab 1934 auch öffentlich zugänglich machte. Im Oktober 1998 konnte das Gebäude – nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten – wieder der Öffentlichkeit übergeben werden. Mit seinem exquisiten Kulturprogramm ist es ein wichtiger kultureller Anziehungspunkt für die Leipziger und ihre Gäste geworden. Zusätzlich beherbergt es Gastronomie und ein kleines Standesamt.
Auch Schiller war Gast in Gohlis. Nachdem er am 17.04.1785 – auf Einladung Christian Gottfried Körners und des Verlegers Georg Joachim Göschen – in Leipzig eingetroffen war und zunächst mehrere Wochen im „Kleinen Joachimstal“ in der belebten Hainstraße in der Stadt logiert hatte, zog es ihn hinaus in die ruhige Sommerfrische aufs Land, wo er sich mehr Ruhe für seine Arbeiten erhoffte. An seinen Verleger Christian Schwan schrieb er am 24. April nach Mannheim: „Ich werde auch einige Monate in dem Orte Goliz zubringen, der nur eine Viertelmeile von Leipzig entlegen ist, und wohin ein sehr angenehmer Spaziergang durch das Rosenthal führt. Hier bin ich willens, sehr fleißig zu sein, an dem Karlos und der Thalia zuarbeiten …“ Und tatsächlich verbrachte Schiller die Monate in Gohlis mit viel Arbeit am Tage sowie viel Geselligkeit und geistigem Austausch mit seiner Anhängerschaft am Abend.
Vieles über diesen Aufenthalt wissen wir aus Briefen Schillers und seines Leipziger Freundeskreises. Einiges etwas Volkstümlichere wurde jedoch durch eine Bürgerbefragung des Schillervereins im Sommer 1841 ans Licht gebracht. Diese Befragung wurde durchgeführt, um das Haus, in dem Schiller 1785 gewohnt hatte, zweifelsfrei zu ermitteln, damit hier eine Gedenktafel angebracht werden konnte. Der damals 71-jährige Johann Christoph Schneider sagte dabei folgendes aus: „… Er wohnte damals in dem meinem Vater gehörigen Gut … Schiller stand damals sehr frühzeitig auf, schon um 3 oder 4 Uhr, und pflegte dann ins Freie zu gehen. Dabei musste ich ihm mit der Wasserflasche und dem Glase folgen … Bei diesen frühen Spaziergängen war Schiller leicht angezogen, mit dem Schlafrock bekleidet, mit unbedecktem Halse …“ Diese gleichermaßen detaillierte wie beinahe groteske Geschichte wirkte auf den Verein absolut glaubwürdig und hat in der Folge die Fabulierwut unzähliger Anekdoten vom „Dichter im Schlafrock“ angestachelt.
Seit der im September 1998 abgeschlossenen Restaurierung kann man das Schillerhäuschen in Gohlis wieder besuchen. Es beherbergt die älteste Literaturgedächtnisstätte Deutschlands mit diversen Devotionalien aus der Schillerzeit sowie ein kleines stadtteilhistorisches Museum. Bei dem Haus selbst handelt es sich um das letzte erhaltene Beispiel ländlich bäuerlicher Architektur im Leipziger Stadtgebiet aus dem frühen 18. Jahrhundert. Der ebenfalls originalgetreu wiederhergestellte Bauerngarten aus nämlicher Zeit bildet einen wundervollen Rahmen für sommerliche Veranstaltungen im Freien.
Den Weg nach Gohlis traten seinerzeit aber auch viele Leipziger wegen der zahlreichen und vor allem viel gerühmten „Lokalitäten“ und ihrer Freisitze an. Eines der bekanntesten Ziele war damals das Restaurant „Zur Mühle“, aber auch die „Wasserschenke“ – das spätere „Waldschlößchen“ – die „Obere Schenke“, die „Gohliser Börse“ – in der es vor allem um den „Handel“ mit Merseburger Bier ging – sowie die „Moritzburg“ – der spätere „Kaiserpark“ – wurden bald beliebte Ausflugslokale für die Leipziger. Neben Verköstigungen flüssiger und fester Formboten viele Gasthöfe darüber hinaus Unterhaltungen verschiedenster Art und meist die Möglichkeit, das Tanzbein zu schwingen.
Heute ist lediglich eines der traditionellen, bereits damals gegründeten Lokale noch existent. Es handelt sich um die 1859 von Cajeri gegründete Gosenstube „Ohne Bedenken“ in der Menckestraße. 1904 wurde der Vorgängerbau durch ein neues, vierstöckiges Mietshaus ersetzt, wobei die Schenke erhalten blieb und auch heute noch mit der originalen Ausstattung und einem wunderbar schattigen Biergarten vor allem im Sommer viele Besucher anlockt. Hier lässt sich immer noch eine der typischen regionalen Spezialitäten in einem traditionellen Ambiente verkosten, und es bleibt dabei zweitrangig, dass die rustikale Einrichtung Mitte der 1980er Jahre lediglich alten Fotos „nachempfunden“ wurde, ob die Gose von der flämischen „Geuze“ oder von dem in Goslar gebrauten „Goßlarischen Bier“ abstammt und ob sie nun auf eine 500- oder gar 1.000-jährige Geschichte zurückblicken kann … Es macht einfach Spaß, in gemütlichem Umfeld eine ganz eigene Besonderheit der Braukunst zu verkosten. Obwohl man hierbei stets Vorsicht beziehungsweise Zurückhaltung walten lassen sollte, denn wie der Heimatdichter Edwin Bormann vorsorglich schrieb: „Wennste probst der Gose Saft, wappne dich mit Heldenkraft! Denn de weeßt nicht wärd der Magen ‚Ja und Amen‘ dazu sagen.“