Eng verbunden mit der Einführung des Kakaos aus Südamerika und der Herstellung von Schokolade in Europa war die Entdeckung und Etablierung eines weiteren „Modegetränkes“ – des Kaffees. Der im 17. Jahrhundert angetretene Siegeszug des aus dem Orient eingeführten Kaffeegetränkes entfaltete sich dabei in Sachsen zu einem Triumphmarsch der besonderen Art. Die sprichwörtliche „Gemiedlichgeid“ der Sachsen verträgt sich ja im Grunde überhaupt nicht mit der anregenden, belebenden und aufputschenden Wirkung des Kaffees, und doch wurde das „Scheelchen Heeßer“ – so die sächsisch-mundartliche Bezeichnung für eine Tasse Bohnenkaffee – eine Art Nationalgetränk im Fürstentum. Die Sachsen bezeichnete man spaßeshalber auch gern als Kaffeesachsen, wobei sich ihre Vorliebe für den Kaffee eher von dessen „kommunikativer“ Wirkung ableiten ließ.
Nicht zu bestreiten ist, dass 1697 durch den Rat der Stadt Leipzig die erste deutsche Kaffeehausordnung erlassen wurde. Auch die Erfindung des europäischen Porzellans durch Johann Friedrich Böttger (1682–1719) im Jahr 1708 und die Gründung der ersten europäischen Hartporzellanmanufaktur 1710 in Meißen sind wichtige Punkte in der Geschichte sächsischer Kaffeekultur. Der Kaffee eroberte rasch alle Bereiche des Lebens und der Kultur, wie man sehr anschaulich und unterhaltsam im Leipziger Kaffeemuseum im Haus „Zum Arabischen Coffe Baum“ vorgeführt bekommt. Hier wird an die 1734 von Johann Sebastian Bach komponierte Kaffeekantate erinnert, die den Kaffee lobt: „Ey! Wie schmeckt der Coffee süße, lieblicher als tausend Küsse, milder als Muskatenwein …“ und natürlich auch die Geschichte des Hauses selbst erzählt, bei dem es sich um das älteste kontinuierlich betriebene Kaffeehaus Deutschlands handelt.
Einer der bekanntesten Wirte des Kaffeebaums ist der „sächsische Hofchocoladier“ Johann Lehmann gewesen, dessen Witwe, Johanna Elisabeth Lehmann, das Unternehmen nach seinem Tod über 20 Jahre lang erfolgreich allein weiterführte. Ihr verdankt der Kaffeebaum angeblich auch die in der ganzen Welt einzigartigen namenstiftende Portalplastik. Bis heute ist nicht geklärt, woher die Plastik stammt, wer sie beauftragt und bezahlt hat. Man munkelt, das Relief sei ein Geschenk August des Starken an die Witwe für zuvor erbrachte Liebesdienste.
Ebenso wird im Museum des Coffee Baums aber die glorreiche Geschichte anderer Kaffeehäuser und Cafés der Stadt Leipzig erzählt. So die des Richter‘schen Kaffeehauses – welches sich im ersten Obergeschoss des barocken Stadtpalais Romanushaus befand und im 18. Jahrhundert Deutschlands berühmtestes Café war – über das Friedrich Schiller am 24. April 1785 an seinen Verleger Christian Schwan nach Mannheim schreibt: „Meine angenehmste Erholung ist bisher gewesen, Richter Kaffeehaus zu besuchen, wo ich immer die halbe Welt Leipzigs beisammen finde, und meine Bekanntschaften mit Einheimischen und Fremden erweitere …“
Der Kaffee galt lange Zeit als Getränk der Aufklärung, weil er das bis dahin übliche Bier mit seiner benebelnden Wirkung als Getränk im öffentlichen und privaten Bereich ablöste. Schluss war mit den „Säuferjahrhunderten“ – der Körper und Geist anregende Kaffee förderte nicht nur neue Gedanken und Schwung zu Tage, sondern er belebte auch deren Austausch in den zahlreichen im 18. Jahrhundert aus dem Boden schießenden Kaffeehäusern. Die dort gepflegte so genannte Kaffeehauskultur und die dort „ansässigen“ Kaffeehausliteraten waren kulturelle Blüten dieser Entwicklung.
Der Leipziger Coffee Baum rühmt sich zahlreicher solcher Gäste in seiner glorreichen Vergangenheit. Einer der Ersten unter ihnen war der Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched, ihm folgten Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Gottlob Klopstock. Aber nicht nur Literaten, sondern auch Künstler und Wissenschaftler anderer Bereiche zählten zu den vielen Stammgästen des Lokals, wie beispielsweise der Musiker Robert Schumann, der Maler Max Klinger sowie die Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht und August Bebel.
Neben dem „Café Français“, dem „Richter‘schen Kaffeehaus“ und dem „Coffee Baum“ gab es noch weitere Perlen der Kaffeehauskultur in Leipzig. Genannt werden sollen hier lediglich drei weitere: Zum einen das im Zweiten Weltkrieg zerstörte „Zimmermann‘sche Kaffeehaus“ in der Katharinenstraße, das Johann Sebastian Bach zur Aufführung seiner weltlichen Musiken nutzte. Zum Zweiten das „Café Bauer“ am Roßplatz – ebenfalls im Zweiten Weltkrieg total zerstört, das lange Zeit als eines der luxuriösesten außerhalb der Innenstadt galt, und zum Dritten das heute noch erhaltene, an der Reichsstraße gelegene „Riquet“.
Dieses 1908/09 errichtete innerstädtische Kaffee- und Geschäftshaus der bereits 1745 gegründeten Firma Riquet & Co. nimmt sowohl architektonisch wie auch organisatorisch eine Sonderstellung ein. Neben Kakao, Schokolade, Pralinen und Waffeln aus eigener Produktion wurde hier mit so genannten Asiatika – also China-, Japan- und Orientwaren wie Tee, Kaffee, Teppichen und Porzellan – gehandelt, was man dem Gebäude schon von weitem ansehen sollte. Diese Auflage erfüllte der Architekt Paul Lange, indem er sich ostasiatischer architektonischer und dekorativer Motive bediente, wie sie im Jugendstil kurz nach der Jahrhundertwende ohnehin gern verwendet wurden. Der Rundgiebel auf der Ecke des Gebäudes wird von einem kleinen pagodenartigen Türmchen bekrönt, die Mosaikarbeiten der Fassade zeigen japanische Stereotype wie Drachen, blühende Kirschzweige, einen Pfau sowie eine Japanerin im Kimono, und der Eingang zum Café wird vom damaligen Markensignet der Firma bekrönt zwei kupfergetriebenen Köpfen indischer Elefanten. Im Inneren findet sich auch heute noch ein Kaffeehaus nach Wiener Vorbild.
Auf die von Anfang an heftig umstrittene Beziehung zwischen Kaffee und Erotik sei hier abschließend lediglich andeutungsweise mit einem kleinen Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert erwiesen:
„Heiß wie das Feuer, schwarz wie die Sünde, und süß wie die Liebe – so soll der Kaffee sein.“